SWS Studie

1.3 Agrarwende

Foto von Jose Antonio Alba von Pixabay

Unsere Ernährungsweisen und die damit korrespondierenden Formen der Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion sind ebenfalls ein zentrales Handlungsfeld der sozial-ökologischen Transformation. Es geht um den basalen und bis heute keinesfalls für alle Menschen zuverlässig gedeckten Bedarf an einer ausgewogenen und gesunden Ernährung und auch um den hohen Stellenwert, den Lebensmittel für ein gutes Leben einschließlich Genuss und Lebensfreude haben. Zudem haben Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion weitreichende Folgen für die Umwelt (Biodiversität, Böden, Grundwasser, Luft, Klima, Meere etc.), für das Tierwohl, die Gesundheit der Menschen und die Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft und der Nahrungsmittelherstellung.


Dabei verdeutlichen der hohe Fleischverzehr und die mit ihm verbundenen Problemen in besonderer Weise den aktuellen Transformationsbedarf: So liegt der Pro-Kopf-Fleischverbrauch in Deutschland bei 60 kg pro Jahr, obwohl die Deutsche Gesellschaft für Ernährung nur die Hälfte davon als Obergrenze für eine gesunde Ernährung empfiehlt. Der viel zu hohe Fleischkonsum bei häufig geringer Qualität verstärkt nicht nur den Klimawandel und menschliche Gesundheitsprobleme (direkt durch einseitige Ernährung ebenso wie indirekt durch die Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen), sondern auch globale Ungleichgewichte. Der hohe Flächenbedarf für die steigende Futtermittelproduktion verschärft die Konflikte um Wasser und knappe Anbauflächen. Die Phosphor- und Stickstoffkreisläufe unseres Planeten sind mittlerweile empfindlich beeinträchtigt und auch die weltweite Artenzusammensetzung hat sich massiv verändert: Die Gesamtmasse an Menschen und ihren Nutztieren ist mittlerweile mehr als zwanzigmal so hoch wie die Masse der freilebenden Säugetiere25, und die Artenvielfalt in unseren Meeren ist durch Überfischung und Verschmutzung stark bedroht. Hinzu kommen die Arbeitsbedingungen in der großindustriellen Fleischverarbeitung, die – wie während der Corona-Pandemie stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt – das SDG 8 („Menschenwürdige Arbeit“) untergraben.


Die folgende Grafik (Abb.5) akzentuiert den doppelt negativen Effekt der Fleischernährung (v. a. des Verzehrs von rotem Fleisch, also Rind- und Schweinefleisch) auf die Umwelt und auf die menschliche Gesundheit.

Abbildung 5: Auswirkungen verschiedener Lebensmittel auf Umwelt und Verbrauchergesundheit (Eigene Darstellung nach Clark et al. 2019)26

Der Hinweis auf die sozialen und ökologischen Folgen der derzeitigen Fleischproduktion bewirkt auch in diesem Fall nicht einfach die notwendigen Veränderungen. Im Gegenteil: Zwar kaufen in bestimmten sozio-kulturellen Milieus immer mehr Menschen nur Fleisch, das gewissen (v.a. ökologischen und das Tierwohl beachtenden) Kriterien genügt, oder verzichten auch ganz auf Fleisch bzw. auch auf Milchprodukte. Allerdings hat sich in den vergangenen 50 Jahren bei einer Verdoppelung der Weltbevölkerung der globale Fleischverzehr verdreifacht – mit steigender Tendenz: Laut Schätzung der UN-Welternährungsorganisation wird die Fleischproduktion bis 2050 um bis zu 55 % weiter wachsen27 – wobei in Asien (getrieben durch wachsenden Pro-Kopf-Verbrauch) und in Afrika (getrieben durch steigende Bevölkerungszahlen bei vergleichsweise stabilem Pro-Kopf-Verbrauch) der Fleischkonsum bald die inländische Produktion überholen wird.28 Dagegen stellt die Bio-Fleisch-Branche trotz signifikanter Wachstumsraten immer noch eine Nische dar.

„Wichtig ist vor allem die grundsätzliche Bereitschaft, einen fairen Preis für gute Lebensmittel zu bezahlen"

Auch hier gibt es benennbare Faktoren, die einem Wandel entgegenwirken: Für die Nachfrage spielen durch sozio-kulturelle Normen gestützte Verhaltensroutinen („Zu einem guten Essen gehört ein ordentliches Stück Fleisch“) und Geschmacksgewohnheiten eine wichtige Rolle, die sich nicht ohne Weiteres ändern lassen. Wichtig ist vor allem die grundsätzliche Bereitschaft, einen fairen Preis für gute Lebensmittel zu bezahlen. Dies bedeutet maßvolleren und qualitätsbewussteren Fleischkonsum und eine Förderung familiärer und kleinbäuerlicher Landwirtschafsstrukturen, die unsere artenreiche Kulturlandschaft überhaupt erst hervorgebracht und das Potenzial haben, einen deutlichen Beitrag zum Klimaschutz (etwa durch den Erhalt von Grünland und den Aufbau von Humus) zu leisten.


Was die Produktionsseite angeht, so steht dem notwendigen Wandel eine über Jahrzehnte eingeübte und durch Interessenvertretung aufrechterhaltene Subventionierung landwirtschaftlicher Produktionsweisen entgegen, die umwelt- und klimaschädlich und auch global ungerecht sind. Die zu einseitig auf Flächen und lange Zeit auch auf direkte Exportförderung ausgerichteten Beihilfen sollten abgeschafft und durch eine konsequente Entlohnung der landwirtschaftlichen Beiträge zum Erhalt der vielen Ökosystemdienstleistungen ersetzt werden.


So herausfordernd diese Wende angesichts starker Beharrungskräfte und Widerstände auch ist, so sehr ist sie möglich. Der notwendige Bewusstseinswandel mag sich teilweise noch in Nischen abspielen, doch ist er vital genug, um durch politisch forcierte Anreize und Vorgaben für Produktion und Handel weiter gestärkt werden zu können. Aktuelle Studien weisen darauf hin, dass intelligentere Methoden zur Vermeidung von Abholzung, Überdüngung und falscher Bewässerung sowie zur Wiedervernässung von Mooren bereits in wenigen ausgewählten Ländern einen enormen Beitrag sowohl zum Klimaschutz als auch zur Ernährungssicherheit leisten könnten.29 Es bleibt zu hoffen, dass die während der Corona-Krise lautgewordenen Rufe nach besserer internationaler Zusammenarbeit und stärkerer Regulierung sowie mehr Transparenz in der Lebensmittelindustrie nun auch tatsächlich umgesetzt werden – das Potenzial dafür ist vorhanden.

Direkte Kommentare zum Text (0)