SWS Studie

5.1 Ambivalenz von Religionsgemeinschaften und Kirchen

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Die christlichen Kirchen und andere große Religionen sehen es schon seit langem als ihre Aufgabe an, gesellschaftliche Entwicklungen ethisch zu reflektieren und orientierende Maßstäbe dafür anzubieten. Dabei wurde der Dialog mit den Wissenschaften und anderen Religionen zuletzt intensiviert, z.B. mit den beiden letzten Enzykliken Laudato si’ und Fratelli tutti. Der Dialog fördert nicht nur die Zusammenarbeit von Menschen unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen, sondern beugt auch Konflikten vor. Denn die großen Religionen erheben vielfach den Anspruch, universale Antworten zu geben bzw. Wahrheiten zu verkünden. Genau wie kulturelle Traditionen stehen deshalb auch Religionen bzw. religiöse Überzeugungen in der Gefahr, populistisch vereinnahmt zu werden – vor allem dann, wenn sie einzelne Positionen verabsolutieren und monopolistische Ansprüche definieren, statt sich als lebendige Suchbewegung und solidarische Lerngemeinschaft zu begreifen.


Kirchen und Religionsgemeinschaften können als weltweite Gemeinschaften und globale Akteure, die zugleich in sehr unterschiedlichen Kulturen verankert sind, Anwältinnen für grenzüberschreitende Gerechtigkeit, universelle Menschenrechte und den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen sein. Dabei sollten sie und gerade auch die katholische Kirche sich ehrlich eingestehen, dass es ihnen selbst lange Zeit schwerfiel, sich diese Ziele zu eigen zu machen und dass sie nicht selten heute noch gegen diese Ideale verstoßen, meist im Widerspruch zu ihrer eigenen Lehre und ihren eigenen moralischen Ansprüchen.


Ein kontroverses Thema ist hier die nach wie vor zurückhaltende Haltung gegenüber den Menschenrechten, jedenfalls sobald man sie auch für die innerreligiösen Bereiche und Strukturen einfordert. So beanspruchen viele Religionen Räume, in denen bestimmte Menschenrechte nur eingeschränkt gelten, wenn sie etwa, zumindest in ihrem internen Bereich, Frauen Rechte verweigern, die man in der Zivilgesellschaft als universal gültig betrachtet.


Die Ambivalenz der katholischen Kirche und anderer Glaubensgemeinschaften zeigt sich vor allem auch bei der Bevölkerungspolitik, einer immer drängenderen Herausforderung im Hinblick auf eine nachhaltige Entwicklung. Die kirchliche Lehre verweist zu Recht darauf, dass das Bevölkerungswachstum gerade auch vor dem Hintergrund der weltweit höchst ungleichen Verteilung von Wohlstand und Ressourcenverbrauch nicht die primäre Ursache für weltweite Armut und die Bedrohung der Lebensgrundlagen darstellt. Die Industrienationen mit ihrem hohen Pro-Kopf-Verbrauch sind von daher in einer denkbar schlechten Position, diesbezüglich Ratschläge, nicht selten verbunden mit finanziellem Druck an die ärmeren Länder dieser Welt zu erteilen. Dennoch ist wie schon erwähnt (vgl. Kap. 3.2) eine verantwortbare Bevölkerungspolitik unabdingbar, um die Agenda 2030 mit den SDG erreichen zu können. Bedenkt man, dass weltweit mehr als 25% der Schwangerschaften ungewollt sind65 und dass UN-Prognosen zufolge die Weltbevölkerung (trotz vielerorts sinkender Fertilitätsraten) zwischen 2020 und 2050 um weitere 1,9 Milliarden Menschen, davon 1,2 Milliarden in Afrika,66 wachsen wird, so wird klar, welch dringlicher Handlungsbedarf besteht.


Gerade die katholische Kirche steht hier in der Verantwortung, Orientierung für eine solche verantwortliche Bevölkerungspolitik zu geben. Der Schutz des Lebens, die Ablehnung staatlicher Zwangsmaßnahmen und die reproduktive Selbstbestimmung von Familien sind dafür zentrale Maßstäbe. Schon Papst Paul VI. hat darauf hingewiesen, dass staatliche Organe mit ihren durchaus notwendigen Maßnahmen zur Familienplanung die „berechtigte Freiheit der Eheleute nicht antasten dürfen“ (Populorum progressio 37), da die „letztliche Entscheidung über die Kinderzahl bei beiden Eltern liegt“ (ebd.). Um diese (Gewissens-)Freiheit zu gewährleisten, darf man aber verantwortliche Formen der Familienplanung, die für die betroffenen Menschen auch realistisch und wirksam sind, nicht grundsätzlich verdammen. Denn dann würde man die Lebenswirklichkeit vieler Menschen nicht nur in Ländern, in denen der Bevölkerungszuwachs – oft armutsbedingt – sehr hoch ist, nicht ernst nehmen. Wenn kirchliche Hilfsorganisationen und Ortsgemeinden, die die Not der Menschen vor Ort kennen, sich daher für einen angemessenen Zugang zu Verhütungsmitteln einsetzen, verdienen diese Respekt und dürfen nicht innerkirchlich diffamiert werden.67


Um tatsächlich beide Elternteile gleichermaßen zu verantwortungsvollen Gewissensentscheidungen ermächtigen zu können, ist es unerlässlich, Frauen weltweit einen besseren Zugang zu Bildung zu verschaffen und ihre Beschäftigungschancen zu verbessern. Dann können sie sich eigenständige Einkommenschancen und damit gleichwertige Selbst- und Mitbestimmungsmöglichkeiten erschließen. Diese zeitgemäßen Mitbestimmungsmöglichkeiten müssen selbstverständlich nicht nur in Staat und Gesellschaft eingefordert, sondern auch innerkirchlich konsequent weiterentwickelt werden, sodass aus dem „brüderlichen Umgang“ endlich ein zukunftsfähiges „geschwisterliches Miteinander“ wird.


Eine wichtige Kraft- und Motivationsquelle für persönliche und strukturelle Veränderungen findet sich in den reichen spirituellen und moralischen Traditionen des Christentums und anderer Religionen. Dabei darf man jedoch nicht übersehen, dass auch Spiritualität ambivalent sein kann: Sie verfügt über eine Kraft, die bewusst manipuliert oder ungewollt missverstanden werden kann; sie kann Weltflucht befördern, zur Missdeutung von materiellem Wohlstand (als vermeintlich „göttlichem Geschenk“) oder des Schöpfungsauftrags („Macht euch die Erde untertan“ statt sie treuhänderisch  zu verwalten und zu pflegen) führen. Ähnlich wie kulturelle Traditionen muss auch Spiritualität immer wieder hinterfragt und neu entdeckt werden, um ihr lebensdienliches Potential zu entfalten – die folgenden Gedanken sollen dazu einige kurze Impulse liefern.

 

"Eine wichtige Kraft- und Motivationsquelle für persönliche und strukturelle Veränderungen findet sich in den reichen spirituellen und moralischen Traditionen des Christentums und anderer Religionen."

Eine für die Transformation dienliche Spiritualität beginnt mit einer Haltung sensiblen (Zu-)Hörens. Nur wer mit offenen Ohren und offenem Herzen den Schrei der Erde und der Armen hört und sich davon anrühren lässt, kann Menschen und Erde in Beziehung zueinander bringen. So gelingt es, einen echten Dialog zu beginnen und das Gemeinwohl aller in den Blick zu nehmen. Mit diesem Perspektivenwechsel hilft Spiritualität, mit egozentrischen Denkmustern zu brechen. Der Mensch blickt nicht mehr suchend auf das, was er noch brauchen könnte, sondern dankbar auf das, was er bereits hat, und sucht gleichzeitig zu verstehen, was seinen Nächsten noch fehlt.


Diese suchende Spiritualität führt auch hinaus „auf die Straße“. Sie ist ein kollektiver Prozess, der die Menschen dorthin drängt, wo die brennenden Probleme der Zeit und zugleich die Auseinandersetzung um Veränderung stattfinden: Sie ist präsent bei den Demonstrationen im Rheinischen Braunkohlerevier, bei Klimastreiks und im Kirchenasyl und sollte hier bei aller Klarheit der Standpunkte immer auch eine hörende und suchende sein, die ganz gezielt auch die leisen und marginalisierten Stimmen wahrnimmt und für andere hörbar macht. So besteht das Potenzial, den in den letzten Jahren so wichtig gewordenen Dialog der Religionen mit dem Dialog durch die Religionen zu ergänzen, der die Transformation wesentlich befördern kann.


Dadurch ist Spiritualität immer auch offen für neue Einsichten und damit verbundene konkrete Handlungsanrufe. Sie ist offen für den Erfahrungsschatz anderer Kulturen – der Migrant/innen, die zu uns kommen, oder der indigenen Gemeinschaften, deren Kosmovisionen und Vorstellungen vom guten Leben uns helfen können, das Wissen um ökologische Zusammenhänge noch besser in unsere eigene Weltsicht und unser tatsächliches Handeln zu integrieren.


Spiritualität ist immer auch auf Transzendenz bezogen. Gläubige aller Religionen vertrauen darauf, dass in dieser Haltung der suchenden Offenheit auch Gottes Stimme im eigenen Herzen hörbar wird. Gerade diese Erfahrung erlaubt es, die komplexen Verflechtungen unserer Welt nicht als persönlich überfordernd zu empfinden, sondern als tief verbundene Einheit, in der jedes Leben gewollt und aufgehoben ist. Schließlich versteht eine auf Gottes Güte vertrauende Spiritualität Umkehr nicht als Strafe, sondern als geschenkte Chance. Viel zu häufig wird die sachliche Analyse von Wirkungszusammenhängen als moralische Verurteilung gedeutet, Umkehr als Scheitern und materielle Einschränkungen als Strafe verstanden. Einer richtig verstandenen Spiritualität geht es dagegen darum, heilende Beziehungen im Zusammenleben der Menschen und zur Schöpfung zu stiften.

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