SWS Studie

5.2 Kirchen als potenzielle Akteure des Wandels

Bei der Frage nach dem möglichen Beitrag von Kirchen zur Nachhaltigkeitsdebatte ist es hilfreich, zunächst grundsätzlich auf sogenannte glaubensbasierte Akteure (GBA) zu blicken, also Organisationen, die sich in diesem Diskurs als religiös oder spirituell bezeichnen. Studien zeigen, dass die Öffentlichkeit der Zivilgesellschaft und auch GBA im politischen Diskurs tendenziell mehr Legitimität zuschreibt als Unternehmen und Politik.  Dies liegt vor allem daran, dass man ihnen ein größeres Gemeinwohlinteresse zugesteht. Manche sprechen hier von moralischer Legitimität – in Unterscheidung etwa zu einer Legitimität, die aus einer Wahl bzw. einem Amt erwächst.68 Untersuchungen zur Rolle von GBA bei den Vereinten Nationen haben gezeigt, dass man GBA im Kontext wertebasierter Argumente und Kommunikationen häufig eine solche besondere Autorität zuerkennt.69


Zudem ergab eine Analyse der Einreichungen im Vorfeld der Rio+20-Konferenz, dass GBA im Vergleich zu anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren nachhaltige Entwicklung tendenziell holistischer auffassen.70 Sie adressieren zum Beispiel neben der ökonomischen, ökologischen und sozialen Dimension von nachhaltiger Entwicklung dezidiert auch spirituelle Perspektiven (vgl. Kap. 5.1.). In ähnlicher Hinsicht verstehen sie auch den Begriff der Lebensqualität umfassender. GBA rücken zudem die Gerechtigkeitsfrage noch einmal stärker ins Zentrum, weil sie fundamentale Gerechtigkeitsprinzipien zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen und Argumente machen. Besonders relevant wird dies bei aktuellen Fragen von Konsumgrenzen und Suffizienz, der gesellschaftlichen Organisation von Verantwortung füreinander und der grundsätzlichen Betonung von Gerechtigkeit und Ethik, die eine Herausforderung für Konsumkultur und Anspruchsdenken darstellen können. Dass diese Anliegen gleichzeitig zum Kern christlicher Normen gehören, unterstützt die Kraft und Authentizität, mit der die Kirchen sie vertreten können. Wirksam können diese Themen im gesellschaftlichen Diskurs v. a. dann vertreten werden, wenn sie nicht kirchlich vereinnahmt werden, sondern partnerschaftlich gemeinsam mit weiteren engagierten zivilgesellschaftlichen Organisationen in die Öffentlichkeit getragen und in konkreten Leuchtturmprojekten verwirklicht werden (vgl. auch Kap. 5.3). Dank ihrer starken Strukturen und weltweiten Vernetzung haben die christlichen Kirchen ein besonderes Potenzial, nicht nur die eigenen, sondern auch andere, marginalisierte, Stimmen hörbar zu machen und die Perspektiven all derjenigen aufzuzeigen, die über keine eigene Lobby verfügen.

Damit wird bereits deutlich, dass auch organisationelle Aspekte mit darüber entscheiden, ob Kirchen als Change Agents eine besondere Rolle in der Transformation spielen können.71 Eine in diesem Zusammenhang wichtige Unterscheidung ist dabei die zwischen eher hierarchischen und basisorientierten Organisationen. Erstere haben das Potential, vergleichsweise schnell weithin sichtbare Impulse zu setzen, da die dafür notwendigen Entscheidungen von einem kleinen Kreis an der Spitze der Organisation getroffen werden können. Die Stärke von Graswurzel-Organisationen wiederum ist, dass sie oft demokratischer und damit in der Lage sind, die Mitglieder besser „mitzunehmen“. Organisationstheoretisch hat damit die katholische Kirche ein besonders hohes Potenzial, denn sie verfügt sowohl über eine sichtbare Spitze, die Entscheidungen treffen und sichtbar verkünden kann, als auch über eine weltkirchliche Basis, in der sich ihre Mitglieder in den Gemeinden der jeweiligen Ortskirchen aktiv einbringen und in die Breite wirken können. Zuletzt hat Papst Franziskus große Anstrengungen unternommen, auf den vom Vatikan organisierten „Welttreffen der Volksbewegungen“ diese Basisorganisationen in einen Dialog zu bringen, ihre weltweite Sichtbarkeit zu steigern und letztlich auch als Kirche von ihnen zu lernen.


Darin ist auch der Anspruch der katholischen Kirche zu erkennen, in globaler Sicht eine Einheit in Vielfalt zu bilden, was auch die Bedeutung des Neben- und Miteinanders ihrer Mitglieder aus unterschiedlichen Kulturen, Ethnien, sozio-ökonomischen, politischen und geografischen Kontexten zeigt: Die Weltkirche ist nicht nur Solidar-, sondern auch Lerngemeinschaft.


Im Hinblick auf die materielle Ressourcenausstattung werden die Kirchen von vielen als prinzipiell weniger abhängig als andere Akteure wahrgenommen. So gibt es zahlreiche Hinweise darauf, dass z.B.  die Abhängigkeit der Politik von der Wirtschaft zugenommen hat. Das Corporate Europe Observatory weist beispielsweise darauf hin, dass Wirtschaftsunternehmen allein für Lobbying im Kontext der europäischen Agrarpolitik im Jahr 2011 viermal so viel ausgegeben haben wie zivilgesellschaftliche Organisationen über die ganze Bandbreite aller Politikbereiche.72 Die große Mehrheit der zivilgesellschaftlichen Organisationen wiederum ist von ihren Mitgliedern bzw. von Spendengeldern abhängig. Innerhalb des wirtschaftlichen Sektors schließlich werden viele Konzernentscheidungen von Großinvestoren getrieben. Die relativ größere materielle Unabhängigkeit der Kirchen und vergleichbarer GBA stellt im Kontext des politischen Diskurses daher eine nicht zu unterschätzende Ressource dar.


Die katholische Kirche verfügt also in verschiedener Hinsicht über ein bedeutendes Potenzial und damit über eine mindestens genauso große Verantwortung. Statt sich mit der Frage zu lähmen, inwieweit die Kirche in einer pluralen, säkularen Demokratie überhaupt politischen Einfluss ausüben darf (eine Frage, die sich kaum ein anderer Teilnehmer im öffentlichen Diskurs stellt), sollte man verstehen, dass es im 21. Jahrhundert starke post-säkulare Tendenzen gibt, aufgrund derer Religionen weiterhin gesellschaftlichen Einfluss haben73. Für die katholische Kirche stellt sich eher die Frage, auf welche Weise sie ihr Potential in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen kann, und welches Selbstverständnis und nicht zuletzt welche Glaubwürdigkeit, was das eigene Handeln angeht, dafür notwendig ist. 

Direkte Kommentare zum Text (0)