SWS Studie

5.3 Zum Reformbedarf der katholischen Kirche

Die deutschen Bischöfe haben in ihren Handlungsempfehlungen zur nachhaltigen Entwicklung in den Diözesen74 betont, wie wichtig eine ganzheitliche Betrachtung und glaubwürdiges eigenes Handeln sind: sowohl um das Schöpfungsbewusstsein innerkirchlich besser zu verankern – etwa durch die Verortung der Schöpfungsspiritualität in Liturgie und Verkündigung – als auch um in jedem Bereich kirchlichen Wirtschaftens und Entscheidens konsequent den Anspruch der Nachhaltigkeit zu beachten. Um diese Empfehlungen stringent umzusetzen, braucht es die entsprechende organisatorische Verankerung: In einigen Bistümern hat sich gezeigt, dass professioneller „Klimaschutz aus einem Guss“ zu enormen Emissions- und Kostenminderungen führen kann, wenn er als Querschnittsaufgabe begriffen wird und z.B. die diözesanen Umweltbeauftragten in die entsprechenden Leitungs- und Entscheidungsgremien eingebunden und mit ausreichend Ressourcen ausgestattet sind. Es bietet sich an, dass die Diözesen personell und strukturell schwächer aufgestellten kirchlichen Rechtsträgern in ihren jeweiligen Regionen, insbesondere den örtlichen Ordensgemeinschaften, personelle Unterstützung bzw. Zusammenarbeit bei der Implementierung besserer Umweltstandards anbieten.


Einer der wichtigsten Indikatoren für klimapolitisch nachhaltiges und damit auch gesellschaftlich umsichtiges und verantwortliches Handeln von gesellschaftlichen Akteuren wie Unternehmen, Behörden oder auch den Kirchen ist die Minderung des eigenen ökologischen Fußabdrucks. Innerkirchlich sind diesbezüglich in Deutschland die folgenden Stellhebel besonders bedeutsam:


Beim Gebäudemanagement ist eine konsequente und systematische Umstellung auf erneuerbare Energien ein Gebot der Stunde. Durch den Ausbau der eigenen Produktion und Nutzung erneuerbarer Energien können die Kirchen nachhaltig investieren und als „Prosumer“ (vgl. Kap. 4.4) den Wandel aktiv vorantreiben. Da die schrittweise Umstellung möglichst aller Heizungen auf nichtfossile Energieträger wegen ihrer langen Lebenszyklen bis weit in die 2030er-Jahre dauern dürfte, ist dies allerdings bei allen aktuellen Renovierungs- und Neubauprojekten unverzüglich umzusetzen; die Verwendung ökologischer Baumaterialien sollte dabei ebenso selbstverständlich sein. Der flächendeckende Wechsel auf Ökostrom für alle kirchlichen Liegenschaften sollte wegen des verhältnismäßig geringen Zeit- und Kostenaufwands ebenfalls rasch erfolgen.


Kirchliche Immobilien bieten auch große Chancen, dem selbst formulierten Anspruch noch besser gerecht zu werden, als Kirche „alternative Formen des Miteinanders erfahr- und erlebbar [zu] machen“75. So empfiehlt sich u. a. die zielgerichtete, flächendeckende Unterstützung zukunftsweisender Formen sozialen Miteinanders durch kirchliche, v. a. gebäudliche Infrastruktur. Weiterhin sollte das bei vielen, aber längst nicht allen Trägern bewährte Prinzip gestärkt werden, kirchliche Immobilien jeweils zum Teil auch unter den ortsüblichen Marktpreisen zu vermieten, um bestimmte Wohnformen (z.B. Mehrgenerationenhäuser) und eine breite Mischung verschiedenster Sozial- und Einkommensmilieus zu fördern. Dabei sei daran erinnert, dass die bevorzugte Erbpachtvergabe an Wohnungsgenossenschaften und die besondere Förderung von Wohnanlagen für sozial Schwächere in den Aufbaujahren nach dem Zweiten Weltkrieg eine große innerkirchliche und gesamtgesellschaftliche Dynamik entfalten konnte. Da es in Deutschland immer mehr kirchliche Immobilien gibt, die nicht mehr pastoral genutzt werden, wäre ein ähnlicher Beitrag der Kirche zur Bereitstellung des in den Städten dringend benötigten bezahlbaren Wohnraums auch heute möglich.76


Ebenfalls großes Potenzial liegt in der konsequenten Ausrichtung des kirchlichen Beschaffungswesens an sozial-ökologischen Kriterien. Nimmt man z.B. die hier diskutierten Anregungen zur Mobilitätswende ernst, so müsste das zu konkreten Änderungen in der Organisation und Zusammenstellung von kirchlichen Fuhrparks und Richtlinien für erstattungsfähige Dienstreisen (z.B. hinsichtlich innerdeutscher Flugreisen) führen. Entsprechend sollten im Hinblick auf die notwendige Konsum- und Ernährungswende kirchliche Küchen (inkl. kirchlicher Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser und Seniorenheime) auf mehr Vollwertkost, „bio-regio“ sowie „Fair Trade“ umgestellt werden.77 Modellversuche zeigen, dass dies nicht teurer ist, wenn die Verantwortlichen entsprechend geschult sind (darin liegt der eigentliche Finanzaufwand) und der Wille zu weniger Fleischprodukten vorhanden ist. Hinzu kommt eine sichtbare politische Positionierung zu Bio- und regional erzeugten Produkten sowie zu fairem Handel. Die ökologische Landwirtschaft ist deutlich ressourcenschonender und in Verbindung mit dem Fair-Trade-Standard die nachhaltigste Form der Herstellung von Lebensmitteln und Textilgütern aus dem Globalen Süden.


Zum Handlungsfeld Flächenmanagement: Hier besteht dringender Klärungsbedarf, ob „Kirchenland“ künftig nach einheitlichen Nachhaltigkeitskriterien bewirtschaftet werden soll, was angesichts der Vielzahl verschiedener kirchlicher Rechtsträger eine große Herausforderung darstellt.78 Eine solche Diskussion hätte vor allem dann gesamtgesellschaftlichen Signalcharakter, wenn es gelänge, die vielen Verteilungskonflikte, die eine Umstellung der Verpachtungspraxis in einzelnen Pfarrgemeinden und Kirchenstiftungen nach sich ziehen würde, frühzeitig mit den unterschiedlichen Interessenvertreter/innen zu erörtern und dann auch auf der Grundlage geteilter Wertvorstellungen eine gemeinsame Regelung zu finden. Im Abgleich mit der Nationalen Biodiversitätsstrategie sollte zudem auch über die Herausnahme von kirchlichen Offenland- und Forstflächen aus der Nutzung, konsequenten Waldumbau und einen Beitrag zur Wiedervernässung von Moorflächen, eine der wichtigsten natürlichen CO2-Senken, gesprochen werden.


Zum Handlungsfeld Finanzen:  Die Kirchen und ihre großen Vermögensverwaltungen berücksichtigen bei ihren Anlagen inzwischen verstärkt ethisch-nachhaltige Kriterien mit dem Ziel, ethisch zweifelhafte wirtschaftliche Aktivitäten zu erschweren und solche, die den eigenen Vorstellungen von gutem Wirtschaften entsprechen, zu fördern. Dazu ist es jedoch notwendig, nicht nur die Glaubwürdigkeit der Anbieter solcher Anlageprodukte, sondern auch die Wirkung dieser Anlagen zu prüfen und im Blick zu behalten. Um nicht nur das eigene Gewissen zu beruhigen, sondern auch eine Lenkungswirkung zu erzielen, sollten die Kirchen als Anleger versuchen, gezielteren Einfluss auf Unternehmen auszuüben. Sie können sich darum bemühen, durch ihre Anlagen die Finanzierungsbedingungen nachhaltiger Geschäftsideen zu verbessern. Viel stärker als bisher sollten sie als Anteilseigner die Möglichkeit nutzen und versuchen durch – möglichst mit anderen abgestimmten – Engagement-Aktivitäten, die Geschäftspolitik der Unternehmen zu verändern.79 Kirchliche Gelder sollten auch konsequenter aus Firmen abgezogen werden, die von der Förderung fossiler Brennstoffe leben: Schritte, die große deutsche Finanzkonzerne bereits vollzogen haben.


Weitere wichtige Schritte, die nun anstehen, sind die Ausdehnung des Segments ethisch-nachhaltiger Finanzierung auf weite Teile der diözesanen Vermögensverwaltungen und die flächendeckende Anwendung der diözesanen Richtlinien und Erfahrungen auch auf die zahlreicheren Vermögen von einzelnen Kirchenstiftungen, Pfarrgemeinden und Ordensgemeinschaften. Angesichts der immer noch niedrigen Zinsen und des bereits beschriebenen Investitionsnotstands im Bereich nachhaltiger Infrastruktur und erneuerbarer Energien müsste die Devise zumindest für einen Teil der kirchlichen Finanz-Anlagen sein: raus aus dem Festgeld, rein in den aktiven Klimaschutz.

„Oft waren es gerade basisdemokratische Gruppierungen und Verbände, die innerkirchlich Pionierarbeit für Zukunftsthemen wie aktiven Umweltschutz, Fair Trade oder nachhaltige Geldanlagen geleistet haben."

Die hier genannten Aktionsfelder decken selbstredend nur einen kleinen, aber klimapolitisch sehr wirkungsmächtigen, Handlungsbereich ab, durch den die katholische Kirche innerhalb ihres eigenen Verantwortungsbereiches einen deutlichen Beitrag zur sozial-ökologischen Transformation leisten kann. Dabei ist zu unterstreichen, dass die genannten Empfehlungen für geteilte und subsidiäre Verantwortung, für erhöhte Transparenz und das Bemühen um einen tiefgreifenden Gesinnungswandel wesentliche Voraussetzungen dafür sind, dass diese Transformation gelingen kann. Oft waren es gerade basisdemokratische Gruppierungen und Verbände, die innerkirchlich Pionierarbeit für Zukunftsthemen wie aktiven Umweltschutz, Fair Trade oder nachhaltige Geldanlagen geleistet haben und die diese Anliegen in der Breite weiter vorantreiben. Angesichts der strukturellen Krise der institutionalisierten Kirche stellen diese Gruppierungen eine Ressource dar, deren Bedeutung in den kommenden Jahren noch stark zunehmen dürfte: ihr Wissen und ihr ehrenamtliches Engagement sind für die katholische Kirche in Deutschland von unschätzbarem Wert.


Das Potenzial, das die katholische Kirche in enger ökumenischer Zusammenarbeit aufgrund ihrer spezifischen Inhalte und organisationellen Voraussetzungen in diesen globalen Transformationsprozess einbringen kann, sollte Anlass zur Hoffnung sein und zu noch entschiedenerem Handeln ermutigen. Wenn die Kirche den hier beschriebenen Reform- und Transformationsbedarf auch innerkirchlich konsequent angeht, kann sie wirkmächtige Akteurin des Wandels sein, der zusammen mit allen Menschen „guten Willens“ dafür eintritt, dass alle Menschen, heute und zukünftig, gut leben können und die gesamte Schöpfung bewahren.

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