SWS Studie

2.2 Gutes Leben im Rahmen planetarer Grenzen

Die Zielperspektive einer sozial-ökologischen Transformation entfaltet die Studie daher in einer Weise, die das Gerechtigkeits- und Gemeinwohlverständnis30 christlicher Sozialethik aufnimmt und zugleich anschließen kann an Positionen, die auch in anderen ethischen Traditionen bzw. in ähnlicher Weise von der säkularen Nachhaltigkeitsbewegung vertreten werden. Dies bildet auch den normativen Hintergrund der SDG:

„Die sozial-ökologische Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft soll Bedingungen schaffen, unter denen alle Menschen weltweit und auch in Zukunft ein menschenwürdiges Leben führen können, das die planetaren Grenzen  wahrt, die grundlegenden Rechte aller Menschen achtet und den Eigenwert der Mitgeschöpfe des Menschen anerkennt."

Die Rede vom „menschenwürdigen Leben“ bedarf freilich der Erläuterung: Entgegen einem gängigen Sprachgebrauch geht es dabei nicht „nur“ um ein menschliches Leben, das basalen Mindestanforderungen z.B. hinsichtlich biologischer und psychosozialer Grundbedürfnisse entspricht und insofern die Menschenwürde nicht verletzt. In globaler Perspektive wäre es für viele Menschen zwar bereits ein großer Fortschritt, wenn dieses Minimalverständnis eines „menschenwürdigen Lebens“ erfüllt wäre. Gleichwohl ist das dieser Studie zugrunde gelegte Verständnis eines „menschenwürdigen Lebens“ umfassender: Es geht darum, dass alle Menschen gut leben können sollen. Es geht um ein Leben, das allen Menschen trotz aller irdisch-menschlicher Begrenzungen möglichst viel Selbstentfaltung, Teilhabe an für sie bedeutungsvollen Beziehungen und (Entscheidungs-)Prozessen sowie Lebenssinn ermöglicht.


Menschen sollen sich in vier aufeinander bezogenen Dimensionen der Beziehung in ihrer Persönlichkeit entwickeln können: in der Beziehung zu sich selbst, zu anderen Menschen, zur Umwelt und, sofern sie religiös sind, in der Beziehung zu Gott. In allen vier Beziehungsdimensionen muss es Menschen möglich sein, sich frei zu entfalten und einzubringen – dann können sie gut leben. Dabei gilt es nicht nur, den Wert jedes menschlichen Lebens hochzuhalten, sondern darüber hinaus den Eigenwert jeglichen Lebens zu entdecken: Die enorme Biodiversität auf diesem Planeten verdient „von Liebe und Staunen erfüllte Aufmerksamkeit“ (LS 97). Die Schönheit der Schöpfung erschöpft sich nicht in ihrem (finanziellen oder ästhetischen) Nutzen für den Menschen.


Auch in vielen anderen ethischen Positionen und Konzepten findet sich die normative Leitidee, dass Menschen sich auf je eigene Weise in Beziehungen und in sinnstiftenden Tätigkeiten entfalten und somit gut leben können. Beispielhaft genannt seien aristotelisch inspirierte Vorstellungen des menschlichen Lebens als Entfaltung menschlicher Fähigkeiten sowie moderne, psychologisch fundierte Konzepte eines „flourishing life“32 oder der philosophisch-politisch bedeutsame Befähigungsansatz33. Ein auch politische, soziale und kulturelle Teilhabe- und Verwirklichungsrechte umfassendes Verständnis von Menschenrechten oder auch Konzeptionen, die sich auf Erkenntnisse empirischer Glücks- und Zufriedenheitsforschung34 berufen – sie alle kritisieren einseitige Fixierungen z.B. auf materielle Wohlstands- und Statussteigerung.

Bei allen Unterschieden im Detail teilen diese und weitere Positionen die Ansicht, dass Menschen in der Regel dann zur Einschätzung kommen, gut zu leben, wenn sie ihre Fähigkeiten und ihre Persönlichkeit in unterschiedlichen Beziehungsdimensionen entwickeln, entfalten und einbringen und auf diese Weise Sinn stiften und erleben können. Dabei ist der Mensch untrennbar mit seiner Mitwelt verbunden und damit auch auf die Gesundheit seiner Mitmenschen und Mitgeschöpfe angewiesen; ihr Zustand bestimmt die Möglichkeiten und Grenzen seines persönlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens. Gerade die Corona-Pandemie hat uns dies schmerzlich vor Augen geführt.


Eine sozial-ökologische Transformation, die zwar einerseits vielen Menschen Veränderungen und (Selbst-)Begrenzungen zumutet, andererseits jedoch glaubwürdig ein so verstandenes menschenwürdiges Leben befördert, bietet eine attraktive Zielperspektive. Dazu müssen planetare Grenzen eingehalten werden, da deren dauerhafte Überschreitung die Lebensgrundlagen der gesamten Menschheit gefährdet. Wenn jedoch deutlich wird, dass es auch und letztlich nur innerhalb dieser planetaren Grenzen möglich ist, im skizzierten Sinne gut zu leben, kann das „Wohin“ der sozial-ökologischen Transformation als erstrebenswertes Ziel wirken, das Veränderungsprozesse anstößt, stärkt und ausrichtet.


Zugleich werden mit dieser Zielperspektive die individuelle Freiheit und die Vielfalt kultureller und persönlicher Vorstellungen eines guten Lebens ernst genommen: In welche konkrete Richtung Menschen sich selbst entfalten, wie sie Beziehungen pflegen und an Prozessen partizipieren wollen und wie sie Sinn erleben und stiften wollen, bleibt ihnen selbst überlassen. Sie sollen diese Fragen durchaus unterschiedlich, individuell und innerhalb ihrer jeweiligen sozialen und kulturellen Kontexte beantworten.

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