SWS Studie

1.1 Energiewende

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Aufgrund ihrer hohen ökonomischen, gesellschaftlichen und ökologischen Bedeutung ist die Energiebranche für die notwendige Transformation zentral. Dies wird v.a. an der Kohleverbrennung deutlich, da wichtige globale Nachhaltigkeitsziele (v.a. saubere Energie, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Klimaschutz, Gesundheit) nur durch einen Ausstieg aus der Kohle als zentralem Energieträger zu realisieren sind.


Mit mehr als einem Drittel der weltweiten Emissionen ist die Kohleverbrennung die wichtigste Ursache klimaschädlicher Treibhausgase. Würden alle Staaten aus der Kohleverbrennung aussteigen, käme die Welt dem Emissionsziel, die globale Erderwärmung unter 2 °C zu halten, deutlich näher3. Zugleich schädigen die Förderung und Verbrennung von Kohle weltweit die Natur- und Kulturlandschaft sowie die biologische Vielfalt. Ebenso beeinträchtigen sie vielerorts die öffentliche Gesundheit und die Menschenrechte – etwa durch Vertreibung, Verschärfung der Wasserknappheit oder durch unwürdige und gesundheitsgefährdende Arbeitsbedingungen.


Rein ökonomisch betrachtet wäre der Kohleausstieg ein lohnendes Unterfangen, wenn man tatsächlich alle gesellschaftlichen Kosten inklusive der bezifferten Schäden für Menschen und Umwelt berücksichtigt: Dann ließe sich bis 2050 eine Netto-Ersparnis von etwa 1,5 % der globalen Wirtschaftsleistung erreichen und in besonders kohleintensiven Volkswirtschaften könnte dieser Effekt bereits deutlich früher eintreten.4

„Der globale Kohleausstieg ist nicht nur dringlich und sinnvoll, sondern auch vergleichsweise einfach zu erreichen"

Der globale Kohleausstieg ist nicht nur dringlich und sinnvoll, sondern auch vergleichsweise einfach zu erreichen. Da erneuerbare Energien Kohle als Energieträger weitgehend ersetzen können, ließe sich der Kohleausstieg primär mit innovativen Technologien gestalten, ohne zwingend einen umfassenden Bewusstseins- und Verhaltenswandel sehr vieler Menschen vorauszusetzen.


Dennoch ist ein globaler Kohleausstieg nicht in Sicht: Trotz aller unterschiedlich motivierter Ausstiegsprozesse in einigen Industrieländern gibt es seit den 2000er-Jahren eine regelrechte Renaissance der Kohle v.a. in aufstrebenden Volkswirtschaften mit teils wachsenden Zahlen in der Förderung und dem Verbrauch von Kohle, allen voran im austral-asiatischen Bereich.5 China und Indien setzen seit Längerem auf vermeintlich billigen Kohlestrom. Ihre Konjunkturprogramme zur Überwindung der Corona-Pandemie verstärken diese Entwicklung noch6, während in Subsahara-Afrika ein regelrechter Kohle-Boom noch bevorstehen könnte. Durch den Aufbau entsprechender Infrastruktur würden langfristige Pfadabhängigkeiten geschaffen und der Umstieg auf eine nachhaltige und dezentrale Energieversorgung blockiert, welche zur Bekämpfung der Energiearmut gerade in ländlichen Regionen sinnvoll wäre.7


Es gibt also offensichtlich sehr wirkmächtige Faktoren, die einem raschen Abschied von der fossilen Energieversorgung im Wege stehen: Kohle ist deshalb nach wie vor sehr attraktiv, weil sie eine relativ günstige Energiequelle darstellt, solange die hohen ökologischen und sozialen Kosten weiter unberücksichtigt bleiben und auf andere abgewälzt, also externalisiert werden. Ebenso werden die Gesundheitskosten oft ausgeblendet und nicht ursächlich mit der Kohle in Verbindung gebracht.8 Ein entscheidender ökonomischer Anreiz für die Transformation wäre daher die konsequente und global abgestimmte Einpreisung aller Kosten und das Ende aller direkten und indirekten Subventionszahlungen. Solange dies nicht in ausreichendem Maße und international koordiniert erfolgt, kann der in vielen Staaten geförderte Ausbau erneuerbarer Energien sogar zu einem paradoxen Effekt führen: Fossile Energieträger könnten nämlich infolgedessen noch billiger werden, wenn deren (meist staatliche bzw. regierungsnahe) Eigentümer alle Möglichkeiten ausschöpfen, ihre eigenen Ressourcen möglichst umfassend zu verkaufen, solange dies noch möglich ist.


Staaten mit großen eigenen Kohlevorräten rechtfertigen die Kohleverbrennung oft auch mit Verweis auf die Sicherheit der Versorgung und Unabhängigkeit von anderen Staaten. Dies wird häufig verstärkt durch eine hohe symbolische Bedeutung, da Industrialisierung und Wohlstand in der Vergangenheit oft mit Kohlegewinnung einhergingen. Damit verbunden sind meist auch Verteilungskonflikte, da einzelne Regionen wirtschaftliche und soziale Folgeprobleme fürchten und sich daher gegen einen vermeintlich übereilten Ausstieg wehren. Gerade die Steinkohleförderung in der Bundesrepublik zeigt aber, dass der Ausstieg aus einer nicht mehr zeitgemäßen Energieversorgung durch staatliche Subventionen unnötig verteuert und verzögert werden kann. Bereits 1957 arbeitete jede zweite Zeche in Ruhrgebiet nicht mehr kostendeckend, doch zwischen 1950 und 2008 wurden insgesamt über 300 Milliarden Euro an Finanzhilfen, Steuererleichterungen und weiteren Zuschüssen aufgewendet. Noch im Jahre 2008 beliefen sich die jährlichen Subventionen für die Steinkohlewirtschaft auf 233.000 Euro pro Arbeitsplatz.9 Die Zahl der Beschäftigten in der Steinkohleindustrie sank in dieser Zeit von 600.000 auf 30.000. Im Vergleich dazu waren im Jahr 2017 nach Angaben des Umweltbundesamtes mindestens 2,8 Mio. Menschen im Umweltsektor erwerbstätig.10

„Viele politische Akteure sehen im Aufbau einer energieintensiven Schwerindustrie immer noch den einfacheren Schritt zur Industrialisierung und Überwindung der Armut"

Für viele Entwicklungs- und Schwellenländer steht eine kohlebasierte Energieversorgung auch heute noch für ein vermeintlich einfaches und kostengünstiges Entwicklungsmodell, auch weil man künftige Kostensenkungen (etwa durch positive Lernkurven) bei erneuerbaren Energien häufig unterschätzt. So sehen viele politische Akteure im Aufbau einer energieintensiven Schwerindustrie mit ihren damit verbundenen Infrastrukturinvestitionen und Agglomerationseffekten immer noch den einfacheren Schritt zur Industrialisierung und Überwindung der Armut.11 Zudem scheint für diese Länder die Kohle besonders vorteilhaft, weil klimafreundlichere Alternativen wie erneuerbare (und meist dezentral erzeugte) Energien aktuell oft weitaus höhere Investitionskosten aufweisen, als dies bei der Kohle der Fall ist. Während in der EU, den USA und Teilen Asiens die Zinsen auf einem Rekordtief sind, liegen diese in Subsahara-Afrika wegen der Knappheit an Kapital und höheren Investitionsrisiken teilweise sogar im zweistelligen Bereich. Die hohen Kapitalkosten erschweren den Ausbau erneuerbarer Energien gerade dort, wo sie besonders notwendig und effektiv wären12.


Der entscheidende Faktor für die weltweit immer noch große Attraktivität der Kohle dürfte ihre hohe Verfügbarkeit sein. Die folgende Grafik veranschaulicht auf einen Blick die enormen Reserven an Kohle im Vergleich zu anderen fossilen Energien – und vor allem im Vergleich zu dem kleinen CO2-Budget, das mit Rücksicht auf den Klimawandel überhaupt noch emittiert werden dürfte (Abb. 3).

Abbildung 3: Größenvergleich der noch nicht genutzten Reserven fossiler Energieträger (links Kohle, rechts Erdöl und Erdgas) im Vergleich zu dem kleinen CO2-Budget (rechts unten), das mit Rücksicht auf den Klimawandel überhaupt noch emittiert werden darf. (Eigene Darstellung basierend auf BGR Energiestudie 2018 und MCC Carbon Clock)13

Kohle würde auch bei anhaltend hohem Verbrauch noch für sehr lange Zeit verfügbar sein. Zugleich verdeutlicht das Schaubild aber auch die erwähnte Dringlichkeit des Kohleausstiegs: Für die Einhaltung des 1,5°C- bzw. 2°C-Erwärmungslimits dürfte nur noch ein begrenztes CO2-Budget14 (rechts unten in der Grafik zu erkennen) verbraucht werden. Dies ist nur zu erreichen, wenn der überwiegende Teil der fossilen Energieträger ungenutzt im Boden verbleibt. Dass ein Umstieg dennoch möglich ist, zeigen Erfahrungen aus den Niederlanden, wo es in den 1960er-Jahren gelang, den anfangs hochumstrittenen Ausstieg aus der Kohleförderung durch einen gut moderierten Beteiligungsprozess der verschiedenen Interessengruppen erstaunlich schnell und effizient zu gestalten. In Großbritannien hat in den letzten Jahren die angemessene und langfristig vorhersehbare Bepreisung von Emissionszertifikaten wesentlich zu einem wohlgeordneten und relativ geräuschlosen Kohleausstieg beigetragen.15

3  Rauner u.a. (2020): Coal exit health and environmental damage reductions outweigh economic impacts.
4  Ebd. 
5  Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (2019): BGR Energiestudie 2019.
6  Vgl. Financial Times (5.7.2020): China still needs to curb King Coal, https://www.ft.com/content/a8c082b4-5ac9-4446-bd4f-756bad11f765, sowie South China Morning Post (21.7.2020): China’s coronavirus recovery drives boom in coal plants, casting doubt over commitments to cut fossil fuels, https://www.scmp.com/economy/china-economy/article/3094098/chinas-coronavirus-recovery-drives-boom-coal-plants-casting. 
7  Steckel, J., u.a. (2019): Coal and Carbonization in Sub-Saharan Africa. In: Nature Climate Change, 10, 83–88 (2020).
8  Zur erhöhten COVID-19-Sterblichkeit durch Luftverschmutzung vgl. Ogen, Y (2020). Assessing nitrogen dioxide (NO2) levels as a contributing factor to coronavirus (COVID-19) fatality. In: Science of The Total Environment, Volume 726, 15 July 2020. Zum beginnenden Bewusstseinswandels in China. Vgl Ito, K., & Zhang, S. (2020). Willingness to pay for clean air: Evidence from air purifier markets in China. Journal of Political Economy, 128(5), 1627 – 1672.
9  Meyer, B., Küchler, S., Hölzinger, O. (2010): Staatliche Förderungen der Stein- und Braunkohle im Zeitraum 1950-2008. Verfügbar unter https://www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/Kohlesubventionen_1950-2008_0.pdf.
10  Umweltbundesamt (2020): Beschäftigung im Umweltschutz. Entwicklung und gesamtwirtschaftliche Bedeutung. Verfügbar unter https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/1410/publikationen/2020_hgp_beschaeftigung_im_umweltschutz_final_bf.pdf.
11  Kalkuhl, M., Steckel, J.C., Montrone, L. et al. Successful coal phase-out requires new models of development. In: Nat Energy 4, 897–900 (2019). https://doi.org/10.1038/s41560-019-0500-5.
12  Lessmann, K., Kalkuhl, M. (2020): Climate Finance Intermediation: Interest Spread Effects in a Climate Policy Model. In: cesifo working papers Juni 2020, verfügbar unter: https://www.cesifo.org/DocDL/cesifo1_wp8380.pdf , sowie Hirth, L. and Steckel, J.  C. (2016): The role of capital costs in decarbonizing the electricity sector. Environmental Research Letters, 11(11):1–8.
13  Zur BGR Energiestudie (2018) vgl. https://www.bgr.bund.de/DE/Themen/Energie/Downloads/energiestudie_2018.pdf;jsessionid=FDE0D1A98200AA55707FFE31ED1E4CD4.2_cid284?__blob=publicationFile&v=10  und zur MCC Carbon Clock vgl. https://www.mcc-berlin.net/forschung/co2-budget.html. 
14  Zur Bedeutung des CO2-Budgets vgl. Allen, M., Frame, D., Huntingford, C. et al. Warming caused by cumulative carbon emissions towards the trillionth Tonne. Nature 458, 1163–1166 (2009). https://doi.org/10.1038/nature08019. 
15  Leroutier, M. (2019): Carbon Pricing and Power Sector Decarbonisation: Evidence from the UK. FAERE Working Paper, 2019.12.

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